Katzengeschichten

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Karl

Es war ein trüber Septembertag, als ich meine Frau in das Zittauer Krankenhaus brachte, wo sie für einige Tage behandelt werden sollte. Als wir über den Hintereingang auf das Gebäude zugingen, war das kleine graubraune Kätzchen nicht zu übersehen, das sich uns regelrecht in den Weg stellte. Natürlich gab ich dem Bedürfnis nach, es zu streicheln. Ich konnte gar nicht so schnell gucken, wei der kleine Kerl plötzlich an meinem Bein hochgeklettert war und sich an mir festkrallte. Auf Anhieb so viel Anhänglichkeit zu erfahren war neu für mich. Mit einiger Mühe konnte ich das junge Katerle wieder auf die Erde setzen, wo es schnurrend sein Köpfchen an meinem Hosenbein rieb. Meine Frau war inzwischen schon weitergegangen und so folgte ich ihr in die Aufnahme des Krankenhauses. Nach einiger Zeit des Wartens zog es mich aber unaufhaltsam wieder dorthin, wo das Kätzchen vermutlich noch wartete. Und tatsächlich. Als ich nach draußen kam, flog es geradezu mir entgegen. Ich nahm es wieder hoch und es drückte sich so unwiderstehlich an mich, dass ich es zunächst mit in die Aufnahme nahm. In einem Büro fragte ich, ob denn diese Katze zum Krankenhaus gehörte.

Was ich daraufhin erfuhr, war genauso beschämend wie empörend. Es handelte sich hier um einer von zahllosen Katzen, die auf dem Gelände des Krankenhauses herrenlos herumirrten. Die Krankenhausverwaltung hatte von den Beschäftigten verlangt, dass sie diese Katzen nicht mehr füttern sollten, in der Hoffnung, das Problem würde sich verlagern und sich so für das Krankenhaus lösen lassen. Doch diese Rechnung ging nicht auf. Nicht nur, weil die Leute die Katzen trotz Verbot heimlich weiter mit Nahrung versorgten, sondern weil auch die Katzen keinen Grund sahen, von da wegzugehen. Leider erfuhr ic auch, dass viele der Tiere in den Versorgungsschächten des Krankenhauses zu Tode kamen, d.h. jämmerlich verrecken mußten, weil sie darin eingesperrt wurden, wenn Handwerker die Schächte öffneten um darin Arbeiten zu verrichten und die dann wieder zumachten, ohne sich zu vergewissern, ob vielleicht eine Katze dort Zuflucht gesucht oder ihrer Neugierde nachgegeben haben könnte. Diese kleine Mühe - eine menschliche Geste - lohnte sich offensichtlich nicht für diese Leute. Stattdessen fluchten sie nur, wenn sie beim nächsten mal auf verendete Tiere gestoßen waren. Während ich diese traurige Geschichte hörte, überlegte ich schon, ob ich diesen anhänglichen Kerl nicht doch mit nach Hause nehmen sollte. Wer weiß was ihm hier noch bevorstand.

Schnell verabschiedete ich mich von meiner Frau, den kleinen Tiger auf meinem Arm und begab mich auf den Heimweg. Doch zuvor wollte ich Karl, so habe ich den Burschen gleich genannt, tierärztlich untersuchen lassen. Die Tierärztin war auch wirklich bereit, Karl außerhalb der eigentlichen Sprechzeit zu untersuchen. Die Untersuchung ergab nicht nur, dass Karl erwartungsgemäß verfloht war, sondern auch eine gravierende Hautverletzung am Rücken aufwies, die mir bis dahin völlig entgangen war, weil sie vom Fell verdeckt und so dem ersten Blick verborgen geblieben war. Die Ursache für diese Verletzung konnte nicht eindeutig gesichert werden. Einmal kam eine mechanische Ursache dafür in Frage, zum anderen aber auch ein Exem, durch den Flohbefall ausgelöst. Karl wurde entwurmt, die Hautverletzung versorgt und ein Flohmittel verabreicht. Dann ging es nach Hause, wo Ulla und Tobi noch von der Notwendigkeit überzeugt werden mußten, den kleinen Karl bei uns aufzunehmen. Kurz vorher hatten wir unsere kleine, charamante, witzige Rita durch einen unaufmerksamen, vertrottelten Autofahrer verloren. Die beiden hatten sich gerade so an die Gesellschaft von Rita gewöhnt und begonnen, sie zu akzeptieren. Und nun mußten die beiden eigensinnigen "Alten" wiederum einen neuen Haus- und Artgenossen dulden. Besonders Tobi fiel das sichtlich schwer. Aber da mußte er durch.

Meine Frau im Krankenhaus und ich mit den drei Katzen allein im Haus. Und für alle mußte ich nun alleine sorgen. Besonders Karl verlangte viel Fürsorge. die Verletzungen am Rücken mußten mehrmals täglich versorgt werden. Da bahnte sich eine langwierige Behandlungsdauer an. Wir hatten viele Monate damit zu tun, die Verletzung, welche sich als sehr viel größer herausstellte als zunächst angenommen, auszuheilen. Und Karl ließ sich die bestimmt alles andere als angenehme Behandlung ohne zu murren gefallen. Ganze Hautfetzen lösten sich am Rücken ab. Die Tierärztin kündigte schon immer an, dass sich an diesen Stellen ganz sicher kein Fell mehr bilden würde und somit kahle Stellen blieben würden. Und so war es auch gekommen. Zu dieser schwerwiegenden Verletzung kam auch noch eine Fehlstellung der Hüfte. Karl war wirklich nicht zu beneiden. Doch schien ihm diese Fehlbildung nicht sonderlich zu behindern. Er war lebenslustig, sehr schnell und wärmebdürftig.
Keine andere Katze vor ihm lag jemals auf den doch recht heißen Heizkörpern herum. Dort konnte er stundenlang ausharren. Später erkor er sich auch noch einen weiteren Lieblingsplatz aus: Das Aquarium. Auf der Abdeckung machte er es sich zum Verdruß der Fische bequem. Er beobachtete die Fische von oben herab. Und die zeigten sich immer seltener dem Betrachter. Es sah schließlich so aus, als hätten wir gar keine Fische im Aquarium. Karl entwickelte trotz seines Handikaps ein munteres Temperament. Er war sehr anhänglich. Schlief gerne beim Pflegevater langausgestreckt auf dem Kopfkissen und beschäftigte sich ausdauernd mit dessen Bleistiften auf dem Arbeitstisch. Gelegentlich nahm er auch mal ein Fax in Empfang.
Meine Frau, die anfangs noch skeptisch war, wieder eine dritte Katze ins Haus zu nehmen, war schließlich so von Karl begeistert und in ihn verliebt, dass sie ihm alles durchgehen ließ. Karl sorgte mit seinem quirligem Wesen für Aufregung, Spaß und Leben in der Bude. Aber das kannten wir schon von Rita, die ähnliche Energien entfaltet hatte und über die wir so oft so herzlich lachen konnten.
Sehr gerne spielte Karlchen mit einem einfachen, schnöden Papierknäuel. An Nachschub mangelte es ihm auch nicht, denn Papier hatten wir genug im Haus. Und es war leicht, ihn damit zu beschäftigen. Genau wie bei allen anderen unserer Katzen machten wir uns jedesmal große Sorgen, sobald er das Haus, aber noch mehr, wenn er unser Grundstück verließ. Auf das Signal mit der Hundepfeife hörte er zwar auch recht gut, aber auch wieder nur, wenn er es für angebracht hielt. Karl konnte aber auch ziemlich gemein sein. Wenn er mal seinen Willen nicht durchsetzen konnte, oder wir ihn unbewußt durch irgend was verstimmt hatten, urinierte er schon mal ins Bett seines Pflegevaters oder neben das Katzenklo. Davon waren wir selbstredend nicht gerade begeistert. Es dauerte ziemlich lange, bis er Vernunft angenommen hatte und uns mit derart dreisten Erzeiehungsmaßnahmen verschonte.
Das Zusammenleben wurde damit doch merklich leichter. Mein Federbett hatte diese Periode auch unbeschadet überstanden. Aber an einen Vorgang erinnere ich mich diesbezüglich noch sehr genau. Das Federbett war zurückgeschlagen und bereit, meinen müden Körper aufzunehmen. Gerade hatte ich mich rücklings aufs Bett geworfen, blieb ich wie versteinert zunächst ungläubig in mich gehend liegen. Irgendwie wurde mein Hinterteil naß. Sollte ich mir etwa...? Das konnte wohl nicht sein. Und siehe da, wie sich herausstellen sollte, hatte Karl kurz zuvor seine volle Blasenladung genau dort abgesetzt, wo sein Herrchen zu liegen und sich wohlzufühlen pflegte.

Die Zeit verging, der Winter war überstanden, die Verletzung von Karl verheilt, sie hatte aber mehrere kahle Stellen hinterlassen, dachten wir nunmehr daran, unseren inzwischen ins geschlechtsreife Rüpelalter gekommenen Kater kastrieren zu lassen. Irgendwie tat mir der Bursche leid, ihn seiner ganzen Männlichkeit zu berauben, noch bevor sie einmal zum Einsatz gekommen wäre. Und so verschob ich es nochmal um eine Woche über die nächste. Eines Tages kam Karl wie immer zur Frühstückszeit nach seinen allmorgentlichen Streifzügen durch die Nachbarschaft ins Haus, wollte aber entgegen seiner Gewohnheit gleich wieder ins Freie. Meine Frau ließ ihn durch die Terrassentür wieder nach draußen. Es war Sieben Uhr morgens. Und das war das letzte mal, dass wir ihn geshen haben. Seither blieb er spurlos verschwunden. Alle Suchaktionen verliefen erfolglos. Karl war weg. Inzwischen tauchten dubiose Gerüchte um Haustierfänger in unserer Gegend auf. Auch die Wochenzeitung der Region berichtete davon. Und so glaubten wir, dass womöglich unser Karl einem dieser Lumpen anheimgefallen, wegen des Felels getötet oder in ein Tierversuchslobor verkauft worden war. Wir wissen es nicht, was wirklich passiert ist. Im Sommer, nachdem die umliegenden Felder abgeerntet waren, suchte ich nochmals nach unserem Karl in der makabren Hoffnung, wenigsten die sterblichen Überreste von ihm auf den Feldern zu entdecken. Immerhin konnte er ja auch überfahren worden sein und er hatte sich schwer verletzt ins Feld geschleppt. Aber nichts. So sind wir heute noch völlig verunsichert und im Unklaren darüber, was unserem Kater Karl zugestoßen war. Das er herumstohmert halte ich für nahezu ausgeschlossen. Er hätte die kalten Monate im Freien wohl kaum überstanden, so wärmebdürftig er gewesen war. Wir werden unseren Karl natürlich immer im Herzen behalten und nicht vergessen!

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