Katzengeschichten

Siggi | Abschied von Siggi | Ulla | Tobi | Rita | Karl | Billy | Kurzgeschichte | Spatzen-Schicksal | Tiergedenk-Tafeln

Siggi

Zu der Katzengesellschaft rund um unser Haus hat sich neuerdings ein weiterer Kater hinzugesellt. Wir nennen ihn Siggi, denn er ist offenbar herrenlos, scheint ein wenig verwildert. Aber er sieht gut aus! Hat rotes Fell, wunderschöne hellbraune Augen, ist hochbeinig, macht eine sehr gute Figur und ist ganz reizend in seinem Benehmen. Und er sucht ganz offensichtlich Familienanschluß. Auch hielt ich ihn für äußerst gewitzt und intelligent. Von den anderen Katzen allerdings wird er sichtlich gemieden. Besonders von unserem verwöhnten Kater Tobi. Wir können über die Gründe dafür nur spekulieren. Menschen verhalten sich übrigens in ähnlicher Weise gegenüber ihresgleichen, die keine Bleibe haben, obdachlos sind und als “Penner“ ihr Dasein fristen. Mit ihnen wollen die meisten auch nichts zu tun haben. Sie werden gemieden; und mit Feindseligkeit begegnet man ihnen. Mobbing. Sollten Katzen etwa menschliche Verhaltensweisen an den Tag legen? Oder umgekehrt? Benehmen wir uns wie Tiere? Das wäre schrecklich. Oder es liegt an der besonderen Farbe des Fells, was ihn so von den anderen Katzen abhebt. Oder er wird schlichtweg als Eindringling empfunden.

Siggi kommt inzwischen sogar in die Wohnung, was unserem Kater gar nicht gefällt! Gefährlich duckt er sich dann und knurrte und fauchte seinen vermeintlichen Konkurrenten bedrohlich an. Es gab Tage, da wollte er von uns nicht mehr viel wissen und spielte den Beleidigten. Sogar Gudrun fauchte er an, kratze und biß sie. Ich selber mußte wieder einige Spuren seiner scharfen Krallen auf meinen Händen hinnehmen. Warum schenkte ich auch der anderen Katze soviel Aufmerksamkeit! Tobi war sichtlich eifersüchtig. Selbst das Futter rührte er nur zögerlich an.

Wir begannen, uns um sein Wohlbefinden Sorgen zu machen. Er wird doch nicht etwa einen seelischen Knacks bekommen, unser Kleiner, und den hübschen roten Kater als Konkurrenten ansehen? Vorstellbar jedoch ist: wenn sich Siggi an unser Haus gewöhnen und sich bei uns einleben würde und stubenrein ist, würde ich ihn als weiteren Hausgenossen gern aufnehmen. Gudrun hat zwar ihren Protest schon deutlich angemeldet, aber ... wir werden sehen! Kater Siggi gegenüber verhält sich Gudrun inzwischen so, daß sie mittlerweile an der hübschen roten Katze Gefallen zu finden scheint. Auf ihr Rufen hin, auch wenn sie Tobi meint, eilt Siggi herbei und streicht um sie herum, hochbeinig, mit steil aufgestellten Schwanz und quäkt aufgeregt vor sich hin. Miauen kann man diese Lautäußerung wirklich nicht nennen. Sie wünscht Familienanschluß, nicht nur des Futters wegen. Kürzlich hatte sich Siggi aber schlecht aufgeführt. In der kurzen Zeit, die Gudrun den Löffel für das Futter aus dem Eßzimmer holte, urinierte er in eine Ecke des Abstellraumes und sorgte somit dafür, daß wir täglich an ihn erinnert würden. Der penetrante “Duft“ hält sich deutlich länger als jedes Duftwässerchen der Menschen. Da half keine Wischen mit Essigwasser oder das Abbrennen einer Räucherkerze. Tagelang war der pikante Duft im Raum. Wenn wir ihn also im Haus aufnehmen sollen, muß er sich benehmen lernen!

Doch einige Tage darauf passierte so ein Malheur erneut. Diesmal im Eßzimmer, direkt an unseren Ledersessel. Zum Glück blieb diesmal der penetrante Geruch aus. Ich packte das Tier und beförderte es mit etwas Nachdruck und einem kleinen Kommentar zu Tür hinaus. Später konnten wir ihn gerade noch davor abhalten, noch einmal seine Duftmarke zu setzen. Jedenfalls hatten wir den Eindruck, daß er dabei war abzuspritzen. Mit einigen nachdrücklichen Worten dirigierte ich ihn rasch zur Tür und warf ihn kurzerhand hinaus. Und tatsächlich, er spritze sogleich seinen Urin ab. An den folgenden Tagen wollte er schließlich nach dem Fressen und emsigen Putzen von selbst wieder hinaus und urinierte sogleich an einen unserer Lebensbäume, die entlang des Zaunes stehen. Der Aufenthalt in menschlichen Behausungen war diesem Tier vermutlich fremd. Er mußte sich erst einmal daran gewöhnen; und auch daran, seine “Bedürfnisse“ grundsätzlich im Freien zu verrichten.

Siggi gehörte vermutlich zu der Katzenschar einer Frau, die in der Nähe wohnte und die Katzen immer gefüttert hatte, ohne sie in der Wohnung zu halten. Die Frau ist vor einiger Zeit gestorben. Nun sind die Katzen sich gänzlich selbst überlassen. Die Rote hat sich beim Nachbarn in der Scheune einquartiert. Die Nachbarin, eine alte Frau, die selbst zwei Katzen hat, gab ihm zu fressen. Wenn Siggi sich in die Scheune zurückgezogen hatte, sitzt er oft in einer Öffnung, die sich im Tor der Scheune befindet und schaut mit einem zu Herzen gehenden Blick heraus. Was mag dann in ihm vorgehen? Eines abends hockte er auch wieder in dieser Öffnung, einsam, und schaute zu mir herüber. Als ich ihn schließlich rief, schien es mir so, als habe er nur auf eine Einladung gewartet. So beeilte er sich, herüber zu kommen. Schon deshalb, weil ich ihn mit dem Schlagen eines Löffels an den Futterteller lockte. Und dann entwickelt er einen Riesenappetit. Und ist Tobi dann zufällig dabei, faucht er seinen vermeintlichen Konkurrenten böse an und fuchtelt mit seinen Vorderpfoten herum und langt nach ihm. Dann hört Siggi auf zu fressen und wartet ab, was geschieht, statt seinen Futternapf zu verteidigen.

Abschied von Siggi

Im Garten lag er unter den Holunderbüschen oder auf dem Bretterstapel. Nachts lag er bei mir im Bett und schnurrte zufrieden vor sich hin. Und er putzte sich bis zum Schluß, wie er es immer getan hatte. Denn er war ein sauberer Kater. Beinahe schon eitel. Über das Internet habe ich mich über diese Krankheit informiert und bin zum Schluß gekommen, daß Siggi keine einzige Chance hatte, diese Krankheit zu überstehen. Auf ihn wartete schlimmes Siechtum in den letzten 14 Tagen. Solange braucht die nasse FIP sein Opfer umzubringen. Also rief ich am Montag Morgen den Tierarzt an und teilte ihm unseren Entschluß mit, unseren Siggi nun doch töten zu lassen. In der Nacht zuvor kam Siggi übrigens nicht wieder in mein Bett, sondern lag die meiste Zeit im unteren Hausflur auf einem seiner Lieblingsplätze, auf der Kommode. Er fraß auch nicht mehr. Nur ab und zu die von uns hingehaltenen Leckereien, ganz wenig, selbst von der Wurst, die er so mochte. Der Montag (26.07.99) war eine Qual. Der Tierarzt sollte sich telefonisch melden, ließ aber auf sich warten.

Siggi nach der Erkrankung an FIP

Dann gegen Mittag schließlich klingelte das Telefon. Wir vereinbarten den Hinrichtungstermin für um 16 Uhr. Siggi lag währenddessen ahnungslos und vertrauensvoll unter einem Holderbusch im Garten. Die anderen Katzen sprangen dort ebenfalls herum. Rita wollte mit ihm spielen. Aber er fauchte sie an, um sie von sich fernzuhalten, so als spürte er die Gefahr, die von ihm für die kleine Dame ausging. Immerhin war seine Erkrankung hochgradig ansteckend für die anderen Katzen. Das war auch der Hauptgrund für meinen raschen Entschluß, unseren Siggi doch einschläfern zu lassen. Es gab ja die Hoffnung, daß eine Ansteckung der anderen drei noch nicht stattgefunden hat. Zwar mußte im Falle einer doch erfolgten Ansteckung die Krankheit nicht gleich ausbrechen, aber sowie das Tier durch irgendwelche andere Krankheiten oder Verletzungen oder Impfungen? geschwächt war, käme dieser Virus dann doch zum Zuge.

Am Nachmittag lagen dann Ulla, Tobi und Siggi allesamt im Garten auf den Kompostbehältern, so als wollten sie von Siggi Abschied nehmen. Gudrun saß in einem Sessel dabei. Ein herzzerreißendes Bild! Siggi litt zum Glück nicht unter Schmerzen. Er rekelte sich von einer Seite auf die andere, streckte die Vorderpfötchen geradezu genüßlich weit von sich, drückte die Augen zusammen, so wie er es immer machte, wenn er sich wohl fühlte. Aber ein Blick auf seinen angeschwollenen Leib zerschmetterte jede Illusion. Zu allem Überfluß stand Siggi einmal auf, lief durch den Zaun ins Nachbargrundstück, verrichtete dort seine Notdurft und kam dann zurück, so als ob er im Angesicht des Todes noch mit entleertem Darm seinen letzten Gang antreten wollte. Mir stockte der Atem.

Die verbleibende Zeit bis zum Aufbruch zum Unvermeidlichen verging rasend schnell. Plötzlich war der Moment, vor dem ich mich so sehr fürchtete, da. Ich mußte den Transportbehälter, mit dem wir unsere Katzen immer zum Tierarzt fahren, holen und den nichtsahnenden Siggi packen, ihn erbarmungslos in den Behälter stopfen und den Deckel über ihn verschließen.

Die Fahrt zum Tierarzt war eine Qual. Siggi ahnte bestimmt nicht, was mit ihm passieren sollte. Zwar hatte er jedesmal fürchterliche Angst vor dem Tierarzbesuch, wußte aber aus Erfahrung, daß er jedesmal heil zurückkommen würde. Aber diesmal! Ich konnte nicht einmal das Autoradio anschalten. Jedes überflüssige Geräusch empfand ich als Belastung. Ich war eigentlich gar nicht mehr ich selber. Ich saß neben mir.

Vor dem Haus des Tierarztes angekommen, ergriff mich ein Schaudern, als ich nach dem Transportbehälter griff, in dem der ahnungslose Siggi seinem Schicksal zugeführt werden sollte. Der Arzt und ich, wir spielten Schicksal. Aber bei aller Unerträglichkeit des Unaufschiebaren: Die Ansteckungsgefahr, die von unserem Siggi ausging, forderte unverzügliches Handeln. Siggi selbst ging es zu diesem Zeitpunkt und in dieser Phase seiner unheilbaren tödlichen Erkrankung eigentlich nicht so dreckig, wie ich mich fühlte. Schmerzen litt er nicht, doch merkte er wohl, daß etwas mit ihm nicht stimmte.

Der Arzt war bemerkenswert rücksichtsvoll, sowohl mit dem Tier als auch mit mir. Eigentlich wollte ich gar nicht dabei sein, wenn Siggi das Leben genommen werden sollte. Ich glaubte, es nicht ertragen zu können. Doch Siggi mußte nun doch etwas spitz gekriegt haben, er merkte wohl, daß es ihm an den Kragen gehen sollte! Als der Tierarzt ihn in der Box die Betäubungsspritze geben wollte, wehrte er sich mit aller Kraft. Der Arzt konnte nicht zustechen. Darum forderte er mich auf, Handschuhe überzuziehen und den Kater festzuhalten. Jetzt gab es für mich keine Möglichkeit mehr mich zu drücken.

Um dem makabren Treiben ein schnelles Ende zu machen, überwand ich mich und hielt meinen Siggi krampfhaft aber mit wilder Entschlossenheit fest, vielleicht zu fest. Siggi mußte mit der halben Dosis zurechtkommen. Ich war jedenfalls schon so gut wie betäubt. Als ich merkte, wie Siggis Widerstand schwand und er in sich zusammenfiel, ließ ich ihn los und machte mich aus dem Staub, jedenfalls bis in den Nebenraum. Von dort harrte ich der Dinge die da abliefen.

Der Arzt legte Siggi auf den Behandlungstisch, einer Metallwanne aus nichtrostenden Stahl und zog eine weitere Spritze auf. Es Sollte die Todesspritze werden, eine Überdosis an Betäubungsmittel. Siggi lag da und atmete ganz tief und ruhig. Er zuckte auch nicht zusammen, als der Einstich erfolgte und die wie mir schien riesige Menge an Flüssigkeit in seinen Körper gedrückt wurde.Mit einem Stetoskop untersuchte der Arzt, ob Herz und Atmung aufgehört hatten. Es dauerte nicht lange und Siggi war nicht mehr. Siggi war tot. Ein Mitgeschöpf, welches so erstaunlich einfühlsam, so sensibel gewesen war, so stolz, kämpferisch aber auch so nachgibig sein konnte. Ein Kater mit zeitweilig 7 Kg gesundem Gewicht.

Ich bat den Arzt, meinen Siggi in ein mitgebrachten Kopfkissenbezug zu legen. So wollte ich ihn dann im Garten unter einem Strauch begraben. Das tote Tier legte er mir in die Transportbox, drückte ihm zuvor auch noch die Augen zu, nahm den Obulus für seine "Dienstleistung" und ich fuhr völlig niedergeschlagen zurück nach Hause, neben mir unseren toten Kater Siggi.

zurück | nach oben