Katzengeschichten

Siggi | Abschied von Siggi | Ulla | Tobi | Rita | Karl | Billy | Spatzen-Schicksal

Spatzenkinder rotzfrech

Spatz	Rotzfrech

Es ist August. Die zweite Generation der Feldsperlinge, die sich im Nistkasten an unserer wunderschönen Birke ihre Wohnung und Kinderstube eingerichtet haben, macht sich lautstark bemerkbar. Ein munteres, vielstimmiges Tschilpen kommt aus dem Innern des Brutkastens. Die Alten fliegen immer wieder mit Nahrung heran. Im Schlupfloch wird immer häufiger ein kleines Spatzenköpfchen sichtbar. Wenn man dem munteren Treiben zuschaut, hat man irgendwie das Gefühl, jeden Augenblick würde etwas passieren.

Und tatsächlich. In der nächsten halben Stunde verließen die jungen Spatzen ihr sicheres Zuhause. Gesehen habe ich dieses Ereignis zwar nicht, aber eine der Folgen wurden mir mit brutaler Gewalt vor Augen geführt. Meine Frau rief plötzlich verzweifelt nach mir. Ich beeilte mich ins Eßzimmer zu kommen, wo meine Frau war. Sie zeigte zur Terrasse. Unsere Ulla, die sonst den ganzen Tag im Haus auf ihrem Stammplatz liegt und schläft, zog gerade an der Terrassentür vorbei und hatte etwas im Maul, was wie ein Vogel aussah. Und es war auch ein Vogel. Und zwar einer von den gerade flügge gewordenen Spatzenkinder.

Ich lief auf die Terrasse und der Ulla hinterher. Doch sie entwische mir, den kleinen Vogel immer noch zwischen den Zähnen. Als ich dann ums Haus kam, hockte Ulla ins Gras geduckt da, der kleine Vogel schmiegte sich angstvoll an den Boden. Ich wollte meinen Augen nicht so recht trauen. Er schien unverletzt zu sein. Entschlossen, dem Katzenfrauenzimmer die wehrlose Beute zu entreißen, ließ ich mich ins Gras fallen und griff blitzschnell nach dem kleinen Kerl. Als ich ihn in der Hand hielt, war ich zutiefst erschüttert vom Eindruck der Winzigkeit dieses Wesens. Es schmiegte sich in meinen Handteller und war muxmäuschen still. Es atmete heftig.

Ich ging ins Haus und wußte nicht so recht, was ich nun anfangen sollte. Den kleinen Vogel setzte ich auf den Eßtisch. So wie ich ihn hinsetzte, verharrte er auch. Was konnte man in einer solchen Situation tun? Womit würde dieses Spatzenkind überhaupt gefüttert? Ein Anruf bei der Tierärztin sollte mir darüber Auskunft geben. Nach dem ich der Frau kurz die Situation geschildert hatte, hörte ich sie sagen, man müsse wohl der Katze die Lösung des Falles überlassen. Anscheinend handele es sich hier um einen Nachwuchs, der von der Natur ausgesondert werden solle. Aber zunächst könnte ich versuchen, den Spatzen wieder in den Nistkasten zu setzen. Die Spatzeneltern würden sich bestimmt wieder seiner annehmen.

Gesagt getan. Die Leiter an die Birke gestellt, hinaufgeklettert, etwas herumbalanciert und den Winzling durch die runde Öffnung in Sicherheit gebracht. Er verschwand auch wirklich in dem Kasten und ward für den restlichen Tag nicht mehr gesehn.

Nächsten Morgen legte ich die Leiter an und kletterte zum Nistkasten. Ich zog den Nagel, der die Vorderseite sicherte, heraus und schaute hinein. Erst als ich das dicke Polster mit Halmen und Federchen heruntergedrückt hatte, konnte ich den Kopf des Spatzenkindes entdecken. Es saß in der äußersten Ecke des Nestes, ganz umhüllt von Halmen und Federn. Da verschloß ich den Kasten wieder und zog mich zurück. Es dauerte auch gar nicht lange, da kamen die Spatzeneltern herangeflogen. Wahrscheinlich wollten sie sich überzeugen, daß alles in bester Ordnung war. Und sie begannen zu meiner Freude, den kleinen zu füttern. Sie verschwanden im Nistkasten. Da war meine Sorge, der Kleine könne im Kasten verhungern, verflogen.

Nachmittags rief plötzlich meine Frau, ich solle schnell in den Garten kommen, der kleine Spatz würde aus dem Loch des Nistkastens herausschauen. Wir beobachteten das amüsante Schauspiel mit größtem Vergnügen, aber auch mit der Sorge, er könne den sicheren Ort verlassen. Tobi, unser jagterprobte Kater, rekelte sich unter der Birke. Er tat so, als würde er nichts von dem mitkriegen, worüber wir uns Sorgen machten. Und Ulla lauerte auch schon unter einem Strauch liegend auf ihre Chance. Zunächst brachte ich die Katzen ins Haus. Aber lange konnte ich die beiden nicht davon abhalten, wieder in den Garten zu gehen. Sie fingen an, im Haus unruhig herumzutrampeln. Ulla kratzt in solchen Fällen dann an den Türen oder Fensterrahmen.

Zunächst durfte Tobi wieder hinaus. Der lag auch friedlich im Gras, als meine Frau wieder laut rief, der Vogel werde gleich den Abflug machen. Und tatsächlich. Ich wollte ihn gerade mit einem Besen davon abhalten. sich vom Nistkasten abzustoßen, als er sich auch schon in Bewegung setzte und an mir vorbei, über Kater Tobi hinweg auf das Schuppendach zusteuerte. Die viel zu kurzen Flügelchen trugen ihn gerademal bis dorthin. Er landete direkt in der Regenrinne des Schuppens. Das zeigte mir sehr deutlich, welch winzige Überlebenschancen der Bursche überhaupt besaß. Wäre Ulla draußen gewesen, hätte ich wohl keine Chance mehr gehabt, Ihr zuvorzukommen. Das Schuppendach ist nämlich einer der Lieblingsplätze unserer Ulla. Ich stellte also die Leiter an den Schuppen und kletterte hinauf. Da hockte der Winzling und flüchtete als er mich bemerkte. Doch er entging meinen riesigen Händen nicht. Er sperrte den breiten, gelb-randigen Schnabel auf und wollte sich davonmachen. Ich trug den Burschen erneut zum Nistkasten, schob ihn durch das Schlupfloch in das Innere. Es verging keine halbe Stunde, da zeigte sich das Spätzchen wieder im Schlupfloch. Erst hockte es ganz still da. Dann schob er den kleinen Körper immer weiter heraus. Ich legte die Leiter an und stieg hinauf. Da verzog er sich wieder nach drinnen. Meine Versuche, ihm mit einer Pinzette Futter zu geben, ignorierte er konsequent.

Jedenfalls wachten wir nun vor dem Hause des kleinen Spatzen. Aber es nützte nichts. Nachdem ich einpaar Fotos von ihm gemacht hatte, hielt es der Kleine nicht länger in seinem sicheren Häuschen aus und flatterte quer über unsere Gartenbeete über den Zaun auf Nachbars Grundstück und ließ sich auf den unteren Ästen einer Fichte nieder. Weiter wäre er ohnehin nicht gekommen. Denn mit dem Fliegen klappte es ja doch noch nicht so recht. Nun saß er da und piepste aufgeregt. Uns siehe da, gleich erschien die Spatzenmama und fütterte ihr Kindchen. Munter bewegte es seine kurzen Flügelchen und tat so, als wolle es sich sogleich in die Lüfte erheben. Unser Kater Tobi lag derweil einige Meter weiter auf einem Steinestapel im Garten des Nachbarn.

Dreimal vor Ulla gerettet-dann kam Tobi

Im Garten lag er auf einem Stapel Steine in des Nachbars Garten. Interessant war, wie die Spatzenmutter versuchte, ihr Kleines dazu zu bringen, sich in höhere Gefilde zu begeben. Sie kannte die Gefahr, die von der augenblicklichen Position des Kleinen ausging. Die erfahrene Spätzin saß hoch oben in unserem Pflaumenbaum und tschilpte laut und ausdauernd. Nach erstaunlich langer Zeit schließlich flog sie auf den Kirschbaum in eine etwas nähere Position. Und als das nichts half, flog sie auf die Spitze der Fichte, auf der der Kleine immer noch hockte. Dann fütterte sie ihn wieder. sie setzte sich auf die Fichte gegenüber, so als wolle sie ihm zeigen: komme hier herauf, da bist du sicherer. Doch der kleine schaute nur zu ihr herauf und schlug mit den Flügeln. Wir beobachteten sehr gespannt und gerührt diese Szene. Plötzlich hörten wir ein wildes Geräusch, ein

Spatz	Rotzfrech heftiges Flattern, ein Gepiepse. Schlagartig wurde wir klar: Hier hatte sich einer eingemischt, an den wir, meine Frau und ich, im Moment gar nicht mehr gedacht hatten. Unser Kater mußte sich lautlos herangeschlichen haben. Mit einem schnellen Satz und einer ausgestreckten Pfote mußte er den jungen ahnungslosen Spatzen erwischt haben. Wir sahen ihn ein letztes Mal zwischen den Kiefern von Tobi.

Der 3. Flugversuch

Und wir hörten die verzweifelten Schreie der Spatzenmutter. Wütend verfolgte ich die Katze. Immerhin hatte der junge Spatz in Ullas Maul auch schon überlebt. Doch Tobi war konsequenter als Ulla. Ein unerbittlicher Jäger eben. Er ignorierte meine Rufe und entzog sich meinem Zugriff durch Flucht. Alles absuchen der Sträucher brachte nichts. Als ich dann ums Haus kam und meine Frau zu mir stieß, sahen wir ihn auf der Wiese. Er hatte dem Spatzenkind bereits den Garaus gemacht und war gerade dabei, ihn zu fressen. Wir konnten nichts mehr tun. Und wir mußten diese Untat ignorieren.

Einerseits war ich wütend auf die Katze, andererseits aber war mir bewußt, daß Tobi nur seiner Natur gemäß handelte. Eine beschissene Situation. Ich brauchte einige Zeit, meine Enttäuschung zu verdauen. Tobi ließ sich eine Zeitlang nicht mehr blicken.

zurück | nach oben VeteranVeteran Counter