Katzengeschichten

Siggi | Abschied von Siggi | ANDACHT | Ulla | Tobi | Rita | Karl | Billy | Kurzgeschichte | Spatzen-Schicksal | B eagle Tommi

Tierheim Görlitz - Tobi

Bei nächster Gelegenheit wollten wir das Tierheim in Görlitz besuchen. Als wir dann später das Tierheim dort aufsuchen wollten, wo es nach unserer Information hätte sein sollen, fanden wir nichts vor, was an ein Tierheim erinnern würde. Enttäuscht fuhren wir an einen anderen Ort, wo es hätte ebenfalls sein sollen. Dort fragten wir einpaar junge Männer danach und hatten Glück. Sie waren vom hiesigen Tierschutzverein und betreuten auch das Tierheim, welches jedoch so noch nicht existierte, sondern sich erst im Bau befand. Die Tiere habe man bei Privatleuten untergebracht, von wo aus sie natürlich ebenfalls vermittelt werden konnten. Nach einiger Bedenkzeit vereinbarten wir einen Termin in der Geschäftsstelle des Tierschutzvereins auf der Heiligen - Grab - Straße in Görlitz. Dort sollten wir einen der Anwärter auf ein neues Zuhause kennenlernen, der ein Kater und ein Maikätzchen sein sollte, wieder grau getigert.

Der Tag, an dem sich wieder mal unser Leben verändern sollte, war ein kalter, trüber, zeitweilig mit nassen Schneeschauer begleiteter Tag. Mittag stärkten wir uns erstmal in der Fischgaststätte auf der Struvestraße. Danach bummelten wir ein wenig durch die Geschäftsstraßen der Innenstadt und gingen schließlich zum Bruder von Gudrun, von wo wir nach einem französischen Kaffee und illustren Gespräch - unter andern über die vorgesehene Anschaffung eines Computers für Sabine - aufbrachen, unseren möglichen neuen Mitbewohner in Augenschein zu nehmen.

Tobi

Pünktlich kamen wir auf der Heiligen - Grab - Straße an, fanden auch gleich das in einer Erdgeschoßwohnung gelegene Büro des Tierschutzvereins. Als wir den Raum betraten, waren da außer dem Herrn Vater noch zwei Damen anwesend, von denen wir ebenfalls sehr nett begrüßt wurden.

Wie sich aber herausstellte, waren es nicht die jenigen, bei denen "Tobi" vorübergehend untergebracht war. Den Namen "Tobi" hatten wir uns ausgedacht, noch bevor wir das Katerle überhaupt kennengelernt hatten. Woher sollten wir ahnen, daß wir einen völlig zutreffenden Namen für ihn gewählt hatten!

Da stürmte wie ein Wirbelwind so ein kleiner, kräftig gestromter Kerl mit weißem Lätzchen, weißen Vorderpfoten, weißen Hinterpfoten und weißer Schnauze vom Schreibtisch herunter uns entgegen, dann wieder in eine Ecke des Raumes, von der er aus am Boden herumschnüffelte und ganz laut schnurrte! - Schnurren! Ein bißchen Sorge hatten wir eigentlich schon gehabt, daß das Kätzchen, welches den Platz von Viktor einnehmen sollte, nicht so deutlich wie jener oder gar nicht schnurrte.

Wie erfreut waren wir folglich, als wir jene gemütlich vibrierenden Töne vernahmen, inbrünstig, laut und deutlich! Wie wir gehört haben, schnurren beileibe nicht alle Katzen, und wenn, dann ganz individuell, leise oder etwas lauter - oder laut. Und Kater Tobi schnurrte ganz laut. Das Profil des Kopfes von Tobi erinnerte ein wenig an den Kopf eines Bullterriers. Auch waren die Ohren größer, als Viktor sie hatte. Natürlich fingen wir gleich an, die beiden Kater zu vergleichen. Keiner von beiden schnitt "schlechter" ab. Später fanden wir interessanterweise noch viele Unterschiede in den Verhaltensweisen.

Allerdings waren bei mir Zweifel, ob es sich um ein Maikätzchen handelte. Nun, dann wäre es auf jeden Fall eine spätes Junikätzchen, versicherten die Leute vom Tierschutzverein. Meine Frage, ob das Tier bereits geimpft sei, mußten sie mit Nein beantworten. Das würden wir also so rasch wie möglich erledigen. Es war also keine Frage mehr: Wir nahmen den munteren grauen Stromer mit nach Hause.

Weihnachten mit Tobi

Unsere gemischten düsteren Vorahnungen hinsichtlich der Reizwirkung des Weihnachtsbaumes auf unseren Kater wurden mehr als erfüllt. Kaum betrat Tobi das Wohnzimmer, entdeckte er auch sogleich diese ideale Versteck - und Klettermöglichkeit. Wie konnte es anders sein! Ein Sprung, der Baum erzitterte, die Kugeln baumelten wie wild, die Lichter flackerten und wir saßen wie gelähmt da in Erwartung, daß der Baum umfallen würde. Aber der stand fest, noch. Mit einer zusammengefalteten Zeitung versuchte ich die kleine Nervensäge davonzujagen. Anfangs hatte ich damit Erfolg, bis er schließlich anfing, dieses Instrument nicht mehr zu fürchten, sondern zu beschnuppern. Er hatte begriffen, daß von diesem Instrument keinerlei Gefahr für ihn ausging. Meine heftigen, teilweise schon nicht mehr sicher zu kontrollierenden Schläge mit der Zeitung führten schließlich dazu, daß die erste Weihnachtskugel in tausend Stücke zerbarst. Keine der Kugeln aber, die Tobi mit seinen kleinen Tatzen heruntergeschlagen hatte, ist kaputtgegangen. Ausgerechnet mir mußte das passieren. Auf die Weise hätte ich wohl eine Kugel nach der anderen erledigt, wenn mir nicht etwas anderes eingefallen wäre.

Ich erinnerte mich an seine Furcht vor dem Bodenstaubsauger. Also holten wir dieses Gerät herbei und schalteten es an. Und siehe, es wirkte! Tobi jagte wie von Teufeln geritten davon. Bald schon ersetzten wir den großen Staubsauger durch einen kleinen Tischsauger, der die gleiche Wirkung erzielte. Dann nämlich fegte Tobi wie ein Sausewind unter dem Baum hervor und knalle mit einem häßlichen Geräusch auf den Boden. Allerdings mußte ich später immer heftiger mit dem Sauger unter dem Baum herumfuchteln, damit diese Maßnahme überhaupt noch zog. Tobi fing nämlich längst an, sich mit seinem Gegner anzufreunden, indem er sich heranschlich, wenn dieser still auf dem Teppich lag, sich neben ihn legte und beschnüffelte. Respektlosigkeit gegen den Staubsauger durften wir aber nicht aufkommen lassen! Das Dumme war, daß der von Zeit zu Zeit seinen Geist aufgab, weil der Akku leer war. Das muß der Bursche spitzgekriegt haben. Sein Respekt ließ merklich nach.

Immer häufiger mußten wir den kleinen Tiger aus dem Wohnzimmer verbannen, um unsere Ruhe zu haben. Unsere Nerven hatten eine Erholungspause dringend nötig! Besonders aufregend war es, wenn die Katze auf dem Weg zum Gipfel, zur Baumspitze, war, vorallem, weil dort einige kleinere Kugeln hingen. Und die mußten auf jeden Fall heruntergeholt werden. Das hatte er auch einige Male geschafft. Eigentlich wollten wir den Baum noch bis weit in den Januar geschmückt stehen lassen.

Heute, kurz nach den Feiertagen, steht er ganz grün da, ich oder der Baum (!), nur noch die Lichter sind drauf. Eigens für die Katze so belassen. Doch Tobi hat plötzlich kein Interesse mehr, uns mit Hilfe des Baumes zu terrorisieren. Weil er merkte, daß wir ihn gewähren ließen, schien offenbar der Reiz für ihn weg zu sein. Nun, der Baum gefällt uns auch so. Wie heißt es doch so schön dämlich: Der Klügere gibt nach.

Ein Leben verlischt ... einfach so

Der Tod von Tobi

Am 22.03.2009, genau um 15.17 Uhr, war sein Ringen mit dem Tode zu Ende. Ringen mit dem Tod - unser Tobi hauchte diesem so inhaltsschweren umgangssprachlichen Vergleich Leben ein. Dieser Kampf begann 14.15 Uhr und wehrte eine Stunde und 2 Minuten. Meine Frau und ich waren an seiner Seite, so wie es die vergangenen beinahe 16 Jahre lang der Fall war. Es war etwa 14 Uhr, wir saßen im Wohnzimmer vor dem Fernsehapparat bei einer Sendung über deutsche Auswanderer, währenddessen sich im unteren Hausflur das dramatische, unabänderliche, so absolut folgenschwere Ereignis einleitete. Im Raum war plötzlich ein kurzer Ton, ein Laut, wie ein Hilferuf. Wir hörten den Aufschrei unseres Katers Tobi, der sich zu diesem Zeitpunkt in seiner Liegestatt im unteren Flur befand. Tobi hatte gleich nach dem letzten Tierarztbesuch dramatisch abgebaut. Er erbrach das wenige, was er gefressen hatte, so dass ich hilflos die Tierärztin angerufen hatte. Es war außerhalb der Sprechzeit. Sie empfahl mir, ihm Ingwer zu verabreichen. Das sollte den Brechreiz unterbinden. Wir hatten noch Ingwer als Gewürz in der Küche. Das ginge auch, meinte sie. Also löste ich eine Messerspitze davon in Wasser auf und nötigte ihn, auch das zu schlucken, wie die Medizin, die er täglich bekommen musste. Eine davon sollte das Versagen der inneren Organe verhindern. Doch durch das Erbrechen hatte er diese nicht wirklich behalten. Zudem sollte ich ihm einen halben Teelöffel (Eierlöffel) Traubenzucker verabreichen, als Energieschub. Aber auch den Traubenzucker erbrach er wieder. So wurde er immer schwächer, taumelte beim Laufen zum Katzenklo oder zu einem seiner anderen Liegeplätze. Es war ein herzzerreißender Anblick, ihn so zu sehen. Obwohl seit mehr als zehn Jahren durch ein uns nicht bekanntes, außerhalb unserer Wahrnehmung stattgefundenem Ereignis körperlich beeinträchtigt, durch Blaseninkontinenz, zu der später auch Stuhlinkontinenz hinzukam und der erlittenen Wirbelverletzungen, verbunden mit einer Schwanzlähmung, hatte er tapfer und kraftvoll sein Leben bestimmt. Zwischendurch war Tobi allerdings dem Tod schon ganz nahe gewesen, wurde an einem Stück wochenlang tierärztlich behandelt, Tropf, Katheder, Spritzen, Röntgen, Ultraschall und so fort. Und unser Kämpfer hatte es immer wieder geschafft, sich zu behaupten, hat sich wieder aufgerappelt und dem verflossenen Jahr ein weiteres angefügt. So ist unser Katzensohn, wie ich ihn liebevoll nenne, fast 16 Jahre alt geworden. Und wir mit ihm.

Wir sprangen sofort auf und gingen nach unten. Da lag unser Kater auf den kalten Fliesen des Fußbodens auf der Seite, bewegungslos. Wir befürchteten das Schlimmste. Tobi atmete jedoch noch. Er schaute uns mit seinen großen, dunklen Augen fest an, so, als wollte er uns sagen: "Habt Ihr mich doch gehört. Ich war so allein hier unten!" Ich hob ihn auf und trug ihn nach oben ins Wohnzimmer. Meine Frau brachte das Bettchen hinterher. Ich legte ihn behutsam hinein und er schien froh zu sein, uns um sich zu haben. So jedenfalls blickte er uns an. Mir wurde sofort klar, was sich hier ankündigte: Unser geliebter Kater Tobi kämpfte mit dem Tode. War er bis jetzt ganz still, begann er nun, Klagelaute zu geben, atmete heftig, stemmte sich mit Vorder- und Hinterbeinen gegen den Bettrand. Seine Vorderbeine zuckten. Meine Frau weinte und mir zog sich das Herz zusammen. Was konnten wir tun. Uns war klar, es gab kein Zurück mehr, diesmal nicht. Wir mussten ihn gehen lassen. 14.25 Uhr. Tobis Pupillen waren geweitet. Sie reagierten kaum noch auf Licht. Er fletschte die Zähne, hechelte beim Atmen ganz schnell, seine Atmung war kurz und flach. Dann gähnte er mehrmals, s o, als würde er von einer schweren Müdigkeit befallen. Dann war noch ein gequältes Röcheln. Es war furchtbar. Mein verzweifelter Anruf bei der Tierärztin brachte lediglich die Gewissheit, Tobi nicht auf seiner letzten Wegstrecke aufhalten zu können. Sie war gerade unterwegs und ich sollte in zwei Stunden nochmals anrufen. Meine kurze Schilderung dessen, was sich gerade ereignete, kommentierte sie mit der Vermutung eines beginnenden Organversagens. Organversagen? Ist nicht jeder Tod das Ergebnis eines Organversagens? Bei uns Menschen genau so wie bei unseren Mitgeschöpfen, den Tieren. Uns war völlig klar, dass wir unserem Tobi nur noch bis zum bitteren Ende zur Seite stehen konnten, nicht mehr, aber auch nicht weniger!

Sein Todeskampf steigerte sich. Zäher, glasklarer Schleim lief aus dem weit geöffneten Mund. Ich wischte ihm sein Schnäuzchen trocken. Sein Stöhnen ließ mich schaudern; und ich war hilflos, verzweifelt. Die Pupillen waren starr ins weite Nichts gerichtet. Er reagierte auch nicht auf eine leise Ansprache. Vorsichtig hob ich seinen Kopf etwas an. Dabei bog er sein Hals etwas nach hinten. Nochmal ein Kraftakt von ihm. Er wollte bleiben. Er hatte trotz seiner gesundheitlichen Probleme Freude am Leben. Er war immer ein geschickter, eifriger Jäger. Er war selbstbewusst und sensiebel. Er war die Seele in unserem Haus. Alles dreht sich um ihn. Das wusste er genau. Seine flache Atmung setzte bereits sekundenlang aus, kam dann wieder, als tiefe Bauchatmung. Das fürchterliche Geschehen dauerte nun schon eine Stunde, als der Körper zur Ruhe kam, die Atmung sehr flach, aber gleichmäßig wurde und sich schließlich nur noch beim sehr genauen Hinsehen wahrnehmen ließ. Ich schrieb gerade einpaar Worte nieder, als meine Frau verzweifelt feststellte, dass Tobi aufgehört hatte zu atmen. Und es war so. Sein Mund war halb geöffnet, die uns so vertrauten Augen blickten ins Nichts, die Pupillen waren tiefschwarz und starr. Tobi, unser innig geliebter Kater, hat uns verlassen. Doch er bleibt in unseren Herzen.

Die Beerdigung erfolgte nach ein und einer halben Stunde auf unserem Grundstück. Das Grab hob ich vor einer einen Meter hohen Zypresse aus. Eingewickelt in ein Betttuch begruben wir unseren Liebling und Lebensbegleiter. Tobi hat uns verlassen. Jetzt ist unser Haus leer und öde. Die Flamme der Kerze am Grab flackert im Wind. Auch sie verlischt.



zurück | nach oben